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Österreich mit Tunnelblick?

(Erschienen am 25.10.07 in "Die Presse")

Tunnelblick ist ein Symptom, das der Pathologie entstammt und soviel bedeutet wie eingeschränktes Seitensehen. Betrunkene haben ihn, Leute, die voll mit Rauschgift gepumpt sind, auch Patienten, die mit starken Medikamenten behandelt werden, weswegen entsprechende Hinweise auf jedem Beipackzettel zu finden sind.
Dass aber Österreichs normale Bürger und die vielen Ausländer, die durch unser Land fahren, diesen Tunnelblick auch bald aufweisen müssen, liegt auf der Hand, achtet man einmal auf die seitlichen Begrenzungen der Autobahnen. In einem nie gekannten Ausmaß werden nämlich plötzlich rechts und links riesige Seitenwände aufgebaut, zum Teil tatsächlich zur Halbröhre (wie auf dem Weg von Wien zum Flughafen Wien-Schwechat) geformt, hässlich im Material, drohend als Geste und ohne Rücksicht auf die Natur, jenes Element, das noch immer Österreichs bestes Kapital ist, sieht man von der Kultur ab. Verantwortlich für diese Verschandelung von Landschaft und Eintrübung der Blickvarianten ist die Asfinag, die zu 100 Prozent ausgelagerte Tochter des österreichischen Straßenbaus, die nun zu Werke geht.
Vielleicht ist es ein Symptom, dass ausgelagerte Organisationen, deren Arbeit früher im mehr oder weniger trägen Beamtenapparat zu leisten war, schneller geworden sind, im Guten wie im Schlechten. Jedenfalls wachsen die Wände mit erstaunlicher Geschwindigkeit quer durch alle Bundesländer und – was zu befürchten ist – immer mehr und mehr. Burgenland scheint die einzige Ausnahme in dieser Wachstumswut darzustellen, weil vernünftigerweise die Vorteile der ebenen Landschaft ausgenützt und die Autobahnen entsprechend tiefer gelegt wurden, so dass die Natur selbst als Regulator von Schall fungiert.
Der vorgeschobenen Argumente gibt es viele. Primär der Schutz der Bevölkerung, auch wenn weit und breit keine Ansiedelungen zu sehen sind, sekundär der Schutz der Natur selbst, was bislang keineswegs nachgewiesen wurde. Es mag schon sein, dass hie und da Schutzmaßnahmen nötig sind, weil die Autobahnen tatsächlich zu nah an Kernsiedelungen herangeführt wurden (also eigentlich Planungsfehler), wobei durchaus auch andere Methoden des Schallschutzes möglich erschienen. Nicht einzusehen ist aber, dass jene Bürger, deren Grundstücke gerade wegen der Autobahnnähe extrem billig waren, nun die Ursache dafür sein sollen, dass die gesamte Ästhetik, das äußere Bild der Landschaft dermaßen irritiert wird.
Damit wird ein Problem offensichtlich, das generell eine zentrale Wunde in unserer Gesellschaft darstellt. Für Ästhetik im öffentlichen Raum scheint niemand zuständig zu sein. Die Bürgermeister sind es für die Baugenehmigungen ihrer Kommunen, die Länder für ihre Bauten und Landstraßen, der Bund für die Bundesstraßen, weil er seine Gebäude auch längst an die mächtige Bundesimmobiliengesellschaft ausgelagert hat. Wo aber sind die Anwälte für eine störungsfreie oder zumindest störungsarme Irritation durch Baufehler, Baumaßnahmen bzw. Bausünden, um es mit einem Begriff schlüssig auszudrücken?
Es ist nun einmal so, dass jede gesetzte Initiative durch den Einzelnen, und sei es auch eine Gesellschaft, im öffentlichen Raum nicht allein die eigene Angelegenheit sein kann, weil die Allgemeinheit davon betroffen ist. Jetzt haben die einzelnen Länder ihre Bauordnungen und halten sie privat – ich würde fast sagen von West nach Ost radikal abnehmend – mehr oder weniger ein. Aber niemand kümmert sich um das Aussehen der öffentlichen Baumaßnahmen im ästhetischen Kontext (s. Tirols oft peinliche Gemeindeämter, Poststationen, Informationshütten...).
Gab es in der Monarchie vermutlich noch eine Verantwortung, die auch aufgrund der einfacheren und meistens längere Zeit haltenden Stilfragen vieles von den Ansprüchen einer zu schützenden Natur, zu schützender Ensembles oder der Beispielsvorgabe durch die öffentliche Hand durchsetzte, ist das spätestens in der Zweiten Republik verloren gegangen. Die Raiffeisentürme, die gerade nicht im Sinn des Erfinders der Kassen, eines Priesters(!), die Kirchtürme egalisierten, wenn nicht überragten, waren der Anfang. Die Industriegebiete folgten mit ihrem Wildwuchs, und nun sind wir eben auch auf den Durchzugsstraßen gelandet.
Es fällt auf, dass in einer materialistisch und ökonomisch auf Profit ausgerichteten Welt niemand an die Gestaltung eben dieser Welt glaubt, vermutlich, weil er zu sehr mit seiner eigenen beschäftigt zu sein scheint („money and body“). Derzeit droht zwar gerade so etwas wie Ökologie zumindest zu einem Modeschlagwort zu werden. Zu dieser Ökologie zählt aber auch, und daran ist kein Zweifel, die Wahrnehmung des Menschen, akustisch, visuell und haptisch.
Funktioniert sie haptisch anscheinend noch am besten, weil, wie die vielen Wanderwege und Kletterstränge, ja selbst die Fahrradwege zeigen, im natürlichen Raum auch eher natürliche zumindest naturvertägliche, sprich adäquate Gestaltungswege gefunden werden, so zerstörten die Liftschneisen und Seilbahnen nicht nur den Wald, sondern – wie man heute weiß – auch den Boden und den Wasserhaushalt.
So graben sich in das Bild eines auf Schnellwegen durchfahrenden Bürgers die Erinnerungen ein, aber woran ein? An ein Abdeckungssystem der Natur? Soll das die Schulung für Aufmerksamkeit und Geduld, für die Wahrnehmung schönster Landschaftsgebiete, für jenes Aha-Erlebnis sein, von dem die Touristiker träumen?
Dass es auch anders geht, beweisen exakt jene Schallschutzgestaltungen, die von Künstlern und nicht von Ingenieuren gemacht wurden, weil deren Empfinden jedenfalls andere und damit wohl auch interessantere Ergebnisse zeitigt als die Husch-Huschpfuscherei kilometerlanger Wandaufstellungen.
Hier rächt sich ohne Zweifel der Verzicht auf die Bundeskompetenz, weil damit nicht mehr Politiker und Minister in ihren Wahlkreisen verantwortlich gemacht werden können oder diese nicht mehr ihre Beamten verantwortlich machen, sondern frei agierende Organisationssysteme herrschen, die die Frage der Ästhetik gar nicht mehr im Blickfeld haben.
Wenn man weiß, wie schwierig es ist, im öffentlichen Raum zeitgenössische Kunstwerke zu plazieren (es war seit 1945 immer mühsam und kennt nur wenige Ausnahmen wie in NÖ), welche Behörden, Gruppierungen, Lobbys nicht nur abgefragt, sondern auch überzeugt werden müssen, damit dann, nach vollbrachter Tat, Bürger wie Politiker stolz auf exakt diese Kunstwerke sein können, weil sie dokumentiert, ja international rezipiert werden, dann frage ich mich schon nach einem Analogkonzept für den Straßenrandbebau.
Auch wenn es niemand hören will: Die Ästhetik, also die Erscheinungsform der Dinge, ist nun einmal ein ganz wesentliches Phänomen für das Wohlgefühl der Menschen und bei ihrer Schändung zweifellos ein Verursacher für Stress, Frustration und Krankheit. Eine Gesellschaft, die im Einklang mit Wirtschaft, Werbung und Marketing (tüchtig von der Medizin unterstützt), so darauf erpicht ist, dem Einzelnen das persönliche Wohlempfinden für Körper, Mode, Wohnung, Autos und deren Derivate – welche auch immer – als wesentlich unentbehrlich, nahezu Persönlichkeit konstituierend hinzustellen, wird blind gegenüber dem, was allen gemeinsam ist, dem öffentlichen Raum. Passiert dies nur, oder ist es Absicht oder, was nahe liegt, ökonomisches Kalkül?
Wer sonst, wenn nicht die Politik, ist dazu in einer Demokratie berufen, die Interessen der Allgemeinheit zu vertreten. Auf die vielgerühmte Basis würde ich mich in diesen Fragen nicht verlassen. Sie ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt oder mit dem, was jeder Einzelne für seinen Geschmack hält. Unbestritten ist, dass man für den Straßenbau Fachleute braucht. Denen vertrauen Behörden wie Bürger. Aber auch die Ästhetik braucht sie. Und Österreich hat genug davon.