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Dialog der Kulturen
Der Dialog der Kulturen ist eine Schimäre

(Erschienen am 10.4.2007 in "Die Presse")

Individuen können nur dann vernünftig miteinander sprechen, wenn sie die kulturellen Konstanten des anderen akzeptieren.

Kulturen sind abhängig von den Orten, wo sie entstehen, wo sie gepflegt werden. Das hängt auch zusammen mit der Sozialstruktur, d. h. mit der Methode, mit der die Menschen ihren Lebenserwerb bestreiten. Kultur richtet sich nicht nach Staatsgrenzen, sondern sehr oft nach Erdteilen, Landschaften, Flüsse, durch Wetterscheiden etc. Eine weitere Konstante menschlicher Kultur sind die Religion oder ihre Entsprechungen. Es gibt keine Gesellschaft auf der Welt ohne Religion. Ob sie es weiß oder nicht, ist eine andere Frage. Religion ist ein Substanzausdruck kultureller Identität.

Eine weitere Langzeitkonstante sind spezifische Traditionen. Traditionen sind Verhaltensweisen, die sich auf Grund der topografischen, religiösen und sozialen Strukturen herauskristallisieren. Diese Traditionen unterscheiden sich, wie wir heute glauben, manifest. Traditionen sind nur sehr schwer überlistbar. Man kann sie durch politischen Druck überlisten: Modell China, eine moderne kommunistische Diktatur, die sich für die Ein-Kind-Familie entschieden haben dürfte. Damit wurde die Tradition der Reproduktion, die eine allgemeine Menschentradition ist, gewaltsam überlistet. Europa hat die Reproduktion ausgelagert, bis auf Frankreich und Dänemark. Das ist eine gesellschaftliche Vereinbarung, die mit das Dümmste ist, was Menschen machen können. Also: Auch Wohlstand, Bequemlichkeit und fehlende politische Weitsicht können Traditionen überlisten.

Ein anderes Beispiel: die Bürokratie. Bislang reformierte Neuseeland als einziger Staat auf der Welt seine eigene Bürokratie radikal und sinnvoll. Wir hingegen glaubten an den Computer. Fazit: Die Bürokratie ist stärker geworden, die Bearbeitungszeiten dauern länger, wir verbrauchen mehr Papier als je zuvor. Wir wollten neue Verfassungen entwickeln: Irrtum.

Natürlich kann man Traditionen, die leicht zu ändern sind, herauslösen. Aber meistens schafft man nicht einmal dieses (Schnellfahren, Hundekot, Weihnachten, Korruption, Verfilzung?).


Mensch im Mittelpunkt des Seins

Ein wichtiger kultureller Faktor ist die Philosophie des Menschen. Was ist für den Menschen das Zentrum des Seins? Hier unterscheiden sich Kulturen gewaltig. Hier in Europa, und vermutlich ebenso in Amerika, weil ja Amerika seine Grundideen aus Europa importierte, steht der Mensch im Zentrum der Bedeutung. Europa lebt von einem anthropozentrischen Menschenbild. D. h., unsere Philosophie, unsere Geschichte ist seit dem jüdisch-griechisch-römischen-christlichen-sozialistischen Denken darauf konzentriert, dass der Mensch im Mittelpunkt des Seins steht. Deswegen wurden hier die Menschenrechte erfunden. Die Menschenrechte sind nichts anderes als die legistische Festschreibung, dass der einzelne Mensch, die wichtigste Substanz des Seins ist. Das unterscheidet sich gewaltig vom Hinduismus. Der Mensch ist gleichbedeutend wie die gesamte Umwelt des Seins, gleichbedeutend wie der Stein, die Blume, das Pferd. Deswegen gilt auch dort das Gesetz der Wiedergeburt, weil die Wiedergeburt quasi aufgefasst wird als die Verbesserung des Seins. Das Problem ist jetzt, dass zwischen diesen beiden Kulturen keine Brücke bestehen kann. Die einzige Brücke, die vorstellbar ist, ist der einzelne Mensch.

Ein ganz ähnliches Problem tritt in Kulturen auf, die das Kollektiv mehr schätzen als das Individuum. Man kann einem asiatischen Philosophen nicht vernünftig erklären, dass das Individuum wichtiger als alles andere ist, weil seine Kultur nicht anthropozentrisch ist. Wir müssen daher akzeptieren, dass seine Werte, die Präferierung des Kollektivs Vorrang haben. Das kann eine Provokation bedeuten, wenn diese Kulturen durch Migration, durch Eroberung, durch Krieg aufeinander stoßen. Sie haben keine gemeinsame Ausgangsbasis. Sie können nicht miteinander verhandeln.

Das bedeutet letztlich, wir haben in den Feldern Religion, Philosophie, Traditionen kaum eine Möglichkeit des Verstehens anderer Kulturen.


Annäherungen durch Globalisierung

Natürlich gibt es Annäherungen durch die Globalisierung. Die Globalisierung hat unter ökonomischen Druck Annäherungen gebracht, beispielsweise in der Wirtschaft, im Kapitalismus, der sich in der Welt durchgesetzt hat und in der Medienpolitik. Die elektronischen Medien sind eine beengende Klammermaschine für alle Kulturen der Welt.

Es gibt auch etwas, was ich als kollektive Kolonialisierung des Lebensstils bezeichne. Amerika drückt anderen Kulturen besondere Stempel in ihren Lebensweisen auf. Ein Beispiel dafür ist Popmusik, weil das die einzige wirklich globalisierte Parakunstform ist, ein anderes Fastfood. Die gleichen Signets in allen Kontinenten sind die „chicken huts“, „Golden Chicken“ oder „Mc Donalds“ oder „Coca Cola“, allesamt extrem ungesunde Materialien, aber begehrt als Zeichen der modernen Lebensweise. Ein anderes Globalmodell ist das Kleidungsstück der Jeans, eine Hose geschaffen für Kuhhirten, strapazierfähig für die Sattel der Pferde, in den 1860er-Jahren nebenbei bemerkt von einem deutschen Schneider erfunden. Ein weiteres Modell, das derzeit auf dem gleichen Weg ist von der Form her, ist das Fernsehen.

Es gibt noch Gründe, die wahrscheinlich werden lassen, warum dieser Dialog der Kulturen nicht möglich ist: Kulturen haben in der Regel keine echten Repräsentanzen. Es gibt keinen Sprecher einer westlichen Kultur, beispielsweise. Die einzige relativ unbestrittene Repräsentanz ist der Papst der katholischen Kirche, nebenbei bemerkt ein Modell, auf das die anderen christlichen Religionen sehr genau hinschauen, weil sie entdeckt haben, dass der Weg der Auflösung dieser hierarchischen Struktur mehr Nachteile bringt als Vorteile. Wir haben diese nicht im arabischen Raum, auch nicht im Islam, weil im Islam Imame wesentlich einander gleichgestellt sind, wir haben sie nicht im Hinduismus, nicht im Universalismus, nicht in Afrika, d. h., wir haben keine Repräsentanten, die miteinander rechtmäßig in Dialog treten können.

Natürlich gibt es willkürliche Konstrukte, beispielsweise den amerikanischen Präsidenten, der glaubt, dass er der einzige Führer der westlichen Welt sei.


Jede Kultur verteidigt eigene Werte

Wenn das so ist, dass die Dialogfähigkeit der Kulturen den Individuen vorbehalten ist, heißt das, diese Individuen können nur dann vernünftig miteinander sprechen, wenn sie die kulturellen Konstanten des anderen akzeptieren. Vorbehaltlos anzuerkennen, heißt, Respekt zu haben, auch wenn etwas nicht verstanden wird. Wir können viele Dinge nicht verstehen, aber sie mit einer freundlichen Verbeugung innerhalb der anderen Kulturen akzeptieren. Diese Art des Zuganges von hohem Respekt und die Hochachtung und nicht die Verdächtigmachung des anderen, ist zumindest eine Möglichkeit, auf das Individuum vorurteilsfrei zuzugehen.

Natürlich kann das manchmal mit eigenen Interessen kollidieren (Karikaturenstreit). Ein anthropozentrisches Weltbild hat natürlich als eine der zentralen Errungenschaften der letzten 200 Jahre den Begriff der Freiheit. Für die Künstler ist diese Freiheit ein Teil seines Selbstverständnisses, und natürlich ist es klar, dass die Künstler, wenn ihnen danach ist, auch Probleme in Sachen Religion äußern können.

Es ist offensichtlich, dass jede Kultur ihre eigenen Werte verteidigt. Das kann nur durch die Durchsetzung jener Kultur gelöst werden, die an dem kulturspezifischen Ort existiert. Diese Vorstellung, die Amerika, aber gelegentlich auch Europa hatte, man könnte andere Länder dazu zwingen, unsere Wertvorstellungen zu akzeptieren, ist falsch und gefährlich, weil sie natürlich eine Gegenreaktion hervorruft. Sie ist auch dumm. Weil sie zeigt, dass man eigentlich nicht verstanden hat, was Kultur eigentlich heißt.


Verständnis, Toleranz, Respekt

Im Zeitalter der Migration, der Globalisierung, werden diese Probleme zunehmend auf uns zukommen. Sie sind nur zu lösen in dem individuellen Respekt und im Versuch, individuelle Interessen auf gleichen Nenner zu bringen. Wir können letztlich nur als Individuen wirksam werden in einem Gegenüber, das von Verständnis, Toleranz, Respekt und wenn möglich mit gemeinsamen Interessen geleitet wird.

Prof. Dr. Manfred Wagner ist Vorstand der Lehrkanzel für Kultur- und Geistesgeschichte an der Universität für an-gewandte Kunst. Kuratoriumsmitglied des Forums Alpbach.